Leseprobe
Farbenfreude ist weiblich
Frau lässt sich niemals die Modefarbe vorschreiben. Oder doch? Im Blätterwald gibt es so viele Empfehlungen, was man in diesem Jahr trägt. Und die Verkäuferin weiß auch, was einem steht. Der Umgang mit Farben ist nicht immer leicht. Ein Thema mit vielen Facetten.
Wer wütend ist, sagt man, sehe rot; schwimmen einem dagegen alle Felle davon, sieht man schwarz für seine Zukunft. Noch grün wirkt ein junger Emporkömmling, der alles besser zu wissen glaubt, und gelb vor Neid könnte jemand werden, der fremdes Glück nicht gönnen kann. Rosa und himmelblau erscheint die Welt den Verliebten, und der Farbe Lila sagt man nach, sie sei der »letzte Versuch«. Grau ist bekanntlich alle Theorie, und weiße Westen sind keineswegs immer ein Zeichen von Schuldlosigkeit.
Farben geben nicht nur Gefühlszustände und eine eventuelle Gesinnung preis, sie sind auch von Moden abhängig. Keinesfalls sollte man sich von irgendwelchen »Mode-Zaren« vorschreiben lassen, was die derzeitige Tragfähigkeit bestimmter Farbzusammenstellungen angeht. Einem silbergrauen oder weißen Haarschopf sind keineswegs nur Farbenfreude ist weiblich »gedeckte« Farben zuträglich. So hat sich meine betagte Freundin einen knallroten Regenschirm zugelegt und den grau-braun-gemusterten Vorschlag der Verkäuferin in den Wind geschlagen.
Wenn es draußen grau in grau ist, sollte man einen Akzent durch einen Farbtupfer setzen, meinte sie und promenierte, ihren roten Schirm schwenkend, bei Regen über eine belebte Einkaufsmeile. Mehr Mut zur Farbe ist ratsam, zumal, wenn es am laufenden Band regnet. Farben heilen, machen krank Farben haben seit Anbeginn der Menschheit zu Assoziationen angeregt. So brachte man Blau in Verbindung mit Königen, Rot, das für Energie, aber auch für Aggression steht, verkörpert auch das Feuer des Heiligen Geistes, für das sich gläubige Menschenherzen entzünden.
Dass Farben eine Heilwirkung besitzen, ist zwar bekannt, wenn auch mancherorts umstritten, ebenso dass wir uns diesen Energien, die unser Empfinden bestimmen, nicht willentlich entziehen können. Farben können nicht nur heilen, sondern auch krank machen. Welcher Stimmung man ist, verrät die Wahl der bevorzugten Farben, mit denen man sich umgibt. Heute weitgehend überholte Konventionen hatten jedoch ihre sinnvolle Bedeutung; so begegneten einem früher Menschen in Trauer meist ein ganzes Jahr lang in schwarzer Kleidung. Man respektierte selbstverständlich ihren (farblichen) Rückzug von bunter Lustbarkeit.
Eine Hochzeit wurde dagegen in strahlendem Weiß abgehalten, wenn sich die Braut zum ersten Mal mit einem Mann verband. Freude findet ihren Ausdruck gerne in Rot, weswegen im alten China Babys in Rot gekleidet wurden. Nicht zuletzt hat jeder Berufsstand seine farblich sinnvolle Kleidung, Bäcker wählen verständlicherweise Weiß und Schornsteinfeger das naheliegende Schwarz. Umgekehrt gäbe es sicherlich ein Fiasko. »Grün, grün, grün sind alle meine Kleider...«, wenn der Schatz ein Jägermeister ist.
Farben sind mehr als Tarnung und praktischer Nutzen. Zwischen ihnen und unseren Empfindungen besteht ein enger Zusammenhang. Davon wusste uns auch Hildegard von Bingen, »die Prophetin der kosmischen Weisheit« (Ingrid Riedel) viel Nützliches zu übermitteln. Ihr lag vor allem die Grün-Kraft der Natur am Herzen; so sprach sie von »der Weisheit grünem Mantel«; ein tiefes Rot war für sie die Farbe der göttlichen Liebe. Violett verkörperte für Hildegard die Geisteskraft der Spiritualität.
Farbe bekennen Farben sind verschiedene Formen des Lichtes, das alle sieben Farben des Regenbogens enthält. Ihre Heilwirkung auf Körper, Geist und Seele ist unbestritten; sie sind eine nicht zu unterschätzende Kraftquelle für unser Wohlbefinden. »Pilotversuche in der Schweiz deuten darauf hin, dass pinkfarbene Zellen bei Inhaftierten erstaunliche Reaktionen hervorrufen«, war in einem Artikel von Till Hein in der Wochenzeitung »Die Zeit« zu lesen (Nr. 48 vom 24. November 2011). Schon im Altertum wurden körperliche und seelische Leiden mit Hilfe von Farben behandelt.
Heutige Farblichttherapien sind demnach kein esoterischer Hokuspokus, sondern lediglich ein Wiederanknüpfen an uraltes Wissen. Natürlich kommt es auf den richtigen Umgang damit an. Farben beeinflussen unsere Gemüts verfassung und unsere Lebensenergie, aber nicht allein mit den Augen nehmen wir die Farbreize auf, sondern mit allen unseren Sinnen. Manchen Leuten fällt es allerdings schwer, im richtigen Augenblick Farbe zu bekennen.
Weniges nur verrät die Bibel des Alten wie des Neuen Testamentes über Farben; offenbar waren sie für die Verfasser von zu geringer Bedeutung. Von einer Erwähnung im Lukas-Evangelium einmal abgesehen, wo es heißt, dass sich ein reicher Mann in Purpur und feines Leinen kleidete (Lk 16,18). Im Johannes-Evangelium ist die Rede davon, dass Jesus vor Pilatus die Dornenkrone und das Purpurgewand trug (Jh 19,5); im Matthäus-Evangelium dann zogen sie ihn aus und legten ihm einen Purpurmantel an (Mt 27,28). Heute spricht man eher von weinrot, anstelle von purpur, das ursprünglich aus den Purpurschnecken gewonnen wurde, und den frühen Christen als heidnischer Luxus galt.
Außer rot, grün, grau, weiß und schwarz, bestenfalls noch dunkel und bräunlich, findet keine andere Farbe Erwähnung in der Bibel (mit rubin, saphir und smaragd sind Edelsteine gemeint). Woraus sich unschwer schließen lässt, dass die Verfasser der Heiligen Schrift allesamt Männer waren, denn für den weiblichen Blick wären Farben keine Nebensächlichkeit gewesen.
Farbenfreude ist offenbar weiblich, sichtbar auch an der Farbskala von Herrentextilien, die von Männern kreiert werden; gesellschaftlich bedauerlicherweise unvorstellbar, dass menschliche Männer Bekleidungsimpulse aus der farblichen Vielfalt der männlichen Tierwelt entlehnten. Weshalb Frauen (wie Weibchen) hier leider in vielfacher Hinsicht das Nachsehen haben.
Herma Brandenburger
Mai 2012 Erscheinungsdatum: 27. April 2012
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